heute möchte ich einmal nicht so darüber reden, wo ich mich in den letzten Wochen so herumgetrieben habe oder was es so Neues aus meinem Projekt zu berichten gibt. In diesem Blogeintrag möchte ich mich ein bisschen mehr mit der politischen und wirtschaftlichen Situation Ghanas befassen. Dazu möchte ich nur noch einmal betonen, dass ich kein Experte für Politik, Wirtschaft, Ghana, etc. bin und dass das, was ich schreibe auch nur meiner subjektiven Wahrnehmung entspringt und auf keinen Fall allgemeingültig zu verstehen ist.
So aber jetzt zum Eigentlichen:
In letzter Zeit habe ich mich sehr oft mit der Frage beschäftigt, was die Zukunft für Ghana und die Leute hier bereithält und in welche Richtung sich dieses Land entwickeln wird. Vielleicht fragt ihr Euch jetzt, warum ich Euch mit solchen Fragen konfrontiere. Aus dem einfachen Grund, dass man die Lebenssituation der Menschen und die gravierenden Unterschiede zwischen diesen täglich vorgeführt bekommt. Des Weiteren ist Ghana auch ein Land, das noch lange nicht da angekommen ist, wo es vielleicht mal hin möchte und es sehr interessant ist zu sehen, wie das Land immer noch neu definiert und neu geprägt wird.
Ghana, ein Land das sehr reich an Ressourcen ist. Nach der Elfenbeinküste ist Ghana z.B. weltweit der größte Exporteur für Kakao (die Schokolade und die Getränke daraus sind auch echt lecker =)). Darüber hinaus gelten auch noch Erdöl, Diamanten und natürlich Gold (während der Kolonialzeit bekam Ghana den Namen „Goldküste“ auf Grund des vielen Goldes) als wichtigste Importgüter. Bei letzterem findet man aber direkt ein großes Problem vor und somit die andere Seite der Medaille. In verschiedenen Orten Ghanas wurden über die letzten Jahren immer wieder illegale Mienen betrieben, um besagtes Gold zu gewinnen. Dies hat jedoch zur Folge, dass das Trinkwasser verschmutzt wird und zum Trinken unerträglich ist, was besonders für die ruralen Gegenden schwerwiegend ist. Die Situation ist sogar so schlimm, dass manche Studien davon ausgehen, dass Ghana ab dem Jahr 2030 anfangen muss, Wasser zu importieren.
Leider scheint das Gold in den Augen dieser Menschen jedoch mehr wert zu sein als Trinkwasser. Zum großen Teil werden diese Mienen von Chinesen betrieben. Es wäre jetzt aber zu einfach die Schuld auf diese zu verteilen, da das Land von ghanaischen Feldherren verkauft wird, welche als Gegenleistung sehr viel Geld bekommen und sich irgendwo schön ein Haus ohne große Sorgen bauen können.
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| Beispiel für den Betrieb einer illegalen Miene (Quelle: google pictures) |
Aber ich will hier ja jetzt auch gar nicht alles schlecht reden. Ghana ist auch ein Land, das reich an Vielfalt ist, reich an Lebensfreude und reich an freundlichen Mitbürgern. So ist es hier z.B. kein Problem, dass eine Moschee gefühlte zehn Meter neben einer Kirche steht. Das Leben hier ist immer aufregend, bunt und jeden Tag aufs Neue anders. Nicht so wie z.B. in Deutschland manchmal, wo einem der graue Alltag so häufig begegnet oder die Leute auf offener Straße kein Wort miteinander reden. Darüber hinaus ist es auch nicht so, dass es den Leuten hier nicht bewusst ist, dass sich manche Dinge ändern müssen. Man kann mit sehr vielen Ghananern sehr reflektierte und interessante Gespräche über die wirtschaftliche und politische Lage des Landes und die daraus resultierenden Probleme besprechen. Viele Ghanaer verfolgen nämlich sehr genau, was in ihrem Land so abgeht und stehen dem auch sehr kritisch gegenüber. Das einzige, was daran sehr schade ist, ist, dass es meiner Meinung nach hier sehr viele Leute gibt, die die Probleme zwar gut erkannt haben und auch Lösungsvorschläge parat haben, die dann aber gleichzeitig ihren Worten keine Taten folgen lassen.
So habe ich schon unzählige Male den ermüdeten Satz gehört „Yes, this is Ghana“ oder „Oh, what has happened to Ghana?“…. Ähnlich war es auch mit dem Wahlsieg im Dezember, nachdem die damalige Opposition die Wahl gewonnen hat, ging überall der Slogan „Change is coming“ herum, welcher so gut wie auf jedes Problem angewandt wurde. Sieben Monate später geht dieser Spruch immer noch herum und auch wenn man in sieben Monaten nicht alles ändern kann, hat sich dennoch noch nicht viel verbessert.
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| Nur ein Beispiel für die ghanaische Lebensfreude |
Ein weiteres gutes Beispiel ist die ghanaische Zeit. Jetzt fragt ihr Euch bestimmt wie „ghanaische Zeit“? Läuft die Zeit da etwa anders als in Deutschland? Naja, nicht so wirklich. Der Tag hat immer noch 24 Stunden und jede Stunde hat 60 Minuten. Mit ghanaischer Zeit oder hier „ghanaian time“ ist eher das Verständnis von Zeit gemeint. So kann es z.B. sein, dass, wenn man sich um 10 Uhr treffen möchte, daraus gut und gerne mal 10:30 Uhr/11 Uhr und so weiter wird. Es kann auch vorkommen, obwohl es eher seltener ist, dass 10 Uhr dann auf einmal auch 9:45 Uhr bedeutet. Die, die mich kennen, wissen, dass ich auch nicht zu den pünktlichsten Menschen auf der Welt gehöre und mich daher die „ghanaian time“ auch nicht wirklich stört. Was mich eher stört, ist, dass es fast jeder hier auch ganz normal und akzeptabel findet, auch wenn Pünktlichkeit in manchen Fällen einfach nur angebracht wäre. In diesen Fällen wird sich dann zwar auch immer über die jeweilige Person beschwert, aber dann auch meistens nur gesagt „Ach, ghanaian time…“.
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| Wie sich Warten in Ghana manchmal anfühlen kann... |
In manchen Fällen kommt es einem leider auch so vor, dass nur etwas bewegt wird, wenn es auch Geld dafür gibt. Wenn man aber nicht direkt das Geld vor die Augen geführt bekommt, dann wird auch leider oft nichts gemacht. Auch, wenn dies in westlichen Ländern natürlich nicht anders ist, vermisst man trotzdem manchmal eine gewisse Arbeitsmoral. So fand ich mich z.B. letztens während der Arbeit auf einmal mit ca. 550 Schülern auf einmal alleine auf dem Sportfeld vor, weil alle andere Kollegen auf einmal irgendwie verplant schienen (lach). Definitiv auch eine Erfahrung für sich…
Diese Aussage ist aber genauso (wie auch die vielen davor) nicht allgemein anwendbar, da man ebenso schnell Leute findet die mit hohem Aufwand und Kreativität an die Arbeit gehen.
Wie ich auch schon am Anfang gesagt habe, sind die Unterschiede in denen die Menschen hier leben extrem groß und die Lücke zwischen diesen gravierend. Um mehr über diese Unterschiede zu verstehen, kann ich nur den Blogeintrag meiner Mitfreiwilligen Elena https://ghanaholic.jimdo.com/2017/05/07/k-o-n-t-r-a-s-t-e/ empfehlen, welcher sich mit dem Thema nochmal ausführlicher auseinander setzt.
Das Traurige an diesen Unterschieden ist, dass es viele Menschen leider nicht zu interessieren scheint, dass ihre Mitmenschen unter teilweise menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen. Dieser Aspekt raubt mir manchmal die Nerven. Wieso? Ganz einfach. In den letzten 9 Monaten habe ich Ghanaer als überaus freundliche, offene und hilfsbereite Menschen erlebt, die viel dafür tun, dass es ihrem unmittelbaren Umfeld gut geht und dafür auch viel opfern. Als bestes Beispiel kann ich z.B. die Gastfamilien von uns allen Freiwilligen aufführen, die uns für ein Jahr in ihr zu Hause aufnehmen, sich um uns kümmern und dafür keinen einzigen Cent bekommen. Diese Warmherzigkeit von teilweise auch fremden Leuten finde ich außerordentlich. Das Problem ist jedoch, dass es sich bei vielen nur um das unmittelbare Umfeld handelt und nicht mehr. So sieht man hier riesige Villen und kleine, beinahe schon in sich zusammenfallende Blechhütten oft nebeneinander stehen und obwohl die Eigentümer direkt neben einander leben, läuft das Leben doch komplett aneinander vorbei.
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| Jamestown - das vielleicht ärmste Viertel in Accra (Quelle: google pictures) |
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| Cantoments - einer der reichsten Viertel Accra (Quelle google pictures) |
Die Frage, die ich mir jetzt nur oft gestellt habe ist, wo es mit Ghana zukünftig hingehen soll? Ja, manche Sachen müssen sich definitiv ändern. Die Wasserversorgung, die vielen Stromausfälle, die schlecht befahrbaren Straßen und die Gesundheitsversorgung sind nur einige Probleme an denen die Regierung schnell und am besten effektiv arbeiten muss. Aber darüber hinaus, wohin? Sollte langfristig das Ziel sein, einen Lebensstandard wie in westlichen Ländern zu erreichen? Länder, in denen sich die Menschen in immer mehr Aspekten, sei es politischen, religiösen oder ethnischen, von einander abschotten. Länder, in denen Minderheiten immer noch mit massiver Diskriminierung zu kämpfen haben. Länder, die gerne unter sich bleiben und ihre Grenzen für andere schließen.
Nein, das kann, oder sollte ja auch nicht das Ziel sein.
Nach dem Regen.... im Tro Tro (links) & auf dem Weg nach Hause (rechts)
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| Leider nur ein trauriges Beispiel für das große Müllproblem in Ghana |
Ein paar Dinge kann ich trotzdem festhalten, die ich für mich und mein weiteres Leben aus dieses Jahr mitnehmen werde. Ein ganz simpler, aber für mich immens wichtiger Aspekt ist, dass es auf dieser Welt viele Menschen gibt, die unter ganz anderen Umständen und Bedingungen leben (müssen). Auch wenn jede Kultur oder jedes Umfeld natürlich mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen haben, kommen mir manche Probleme, die ich in meinem Alltag in Deutschland zu bekämpfen hatte doch manchmal ein bisschen zu überzogen vor, verglichen mit dem, was sich die Leute hier teilweise mit zu kämpfen haben. Des Weiteren ist mir auch nochmal klar geworden, dass es unserer Welt so viele unzählige, aufregende, innovative und kreative Möglichkeiten gibt um den Menschen in seinem Umfeld zu helfen und etwas Gutes für diese zu tun. Zu guter Letzt ist mir in diesem Jahr mehrmals deutlich geworden, dass ich stolz darauf bin, für was der deutsche Sozialstaat steht. Dass so gut wie jedem Bürger eine Krankenversicherung zur Verfügung gestellt wird oder, dass Bildung für alle frei zugänglich ist, ist in unserer heutigen Welt leider (noch) nicht selbstverständlich. Dies trifft auch gar nicht ausschließlich auf afrikanische Länder zu, sondern auch auf eine Weltmacht wie die USA.
Sooooooooooo, das war jetzt erst mal ziemlich viel, aber ich hoffe, dass Ihr trotzdem viel Spaß beim Lesen hattet. Wenn Ihr eine andere Meinung zu einem Aspekt habt, irgendwelche Fragen habt oder einfach nur was sagen möchtet, dann könnt Ihr einfach ein Kommentar hinterlassen. Mein nächster Beitrag soll auch hoffentlich gar nicht so lange auf sich warten lassen und soll sich um ein bisschen „leichteres“ Thema handeln, und zwar um ein paar Stories auf meinem Lieblingsgefährt, dem Tro Tro.
Euer Simon









