Freitag, 28. April 2017

Besuch aus dem fernen Deutschland



Mema mo ahaa,

nachdem ich Euch das letzte Mal ausführlich über mein Projekt erzählt habe, steht diesmal etwas ganz Anderes und Besonderes auf dem Programm. Die letzten zwei Wochen hatte ich nämlich Begleitschaft aus Deutschland, von meiner Mama und meiner besten Freundin, welche mich während der Osterferien besuchen haben, um auch einen kleinen Eindruck von Ghana zu gewinnen.
Da die beiden als Touristen natürlich einen ganz anderen Blick auf Ghana haben als ich mittlerweile, hatte meine Mutter die großartige Idee, ihre Eindrücke aus den zwei Wochen festzuhalten und sie hier mit Euch zu teilen:

Mummy und Sonja in Ghana, ein Gastbeitrag

Am 09.04.2017 war es endlich soweit und Sonja, Simons beste Freundin, und ich wurden von Sonjas Mutter zum Düsseldorfer Flughafen gebracht, um nach Accra zu fliegen. Wir waren beide sehr aufgeregt und voller Vorfreude, Simon wiederzusehen. Gegen 20 Uhr landeten wir in Accra und wurden von Simon und seiner Gastfamilie abgeholt, die uns dankenswerterweise in unser Hostel im Stadtteil Kokomlemle gebracht haben. Die Hitze war nicht so schlimm wie befürchtet und auch der Verkehr war angenehm. So weit, so entspannt, vor allem für Simon, der endlich wieder in den Genuss von Erdbeeren kam.

Leider hatte man im Hostel unsere Buchung für zwei Zimmer vergessen (das sollte sich wiederholen) und so schliefen wir in der ersten Nacht in einem Doppelzimmer und Simon auf einer zusätzlichen Matratze auf dem Boden. Das wirklich köstliche Frühstück entschädigte uns am anderen Morgen, aber anschließend traf Sonja und mich mit voller Wucht die Hitze, das Chaos, der Dreck, die Lautstärke und die schlechten Straßen von Accra. Ich habe mir nach dem gefühlt 1000sten Schlagloch vorgenommen, nie wieder über deutsche Straßen und die dortigen Staus zu schimpfen, die sich im Vergleich zu Accras Straßen wie Luxusprobleme darstellen. In Accra, wie auch auf dem Rest der Reise, hatte sich bereits herumgesprochen, dass neue Obronis, also Weißgesichter, in Ghana angekommen sind, denn überall warteten Händler/-innen und Taxifahrer nur darauf, dass wir etwas kauften oder ihr Taxi benutzten. Bereits an diesem ersten Tag war ich auf einmal nicht mehr Gaby, sondern „Mummy“, was wohl liebenswert gemeint war und meinem Alter Respekt zollen sollte, aber mir auch gelegentlich auf die Nerven ging.

Ohne Simon, der sich in faszinierender und respektvoller Weise an Accra gewöhnt hat, wären wir aufgeschmissen gewesen, aber er hat uns gleich an unserem ersten Tag mit der harten Realität vor Ort konfrontiert, was mich fast umgehauen hat. Die Hitze war saunagleich und eingezwängt in Simons Lieblingsgefährt, einem TroTro, ging es zum ,,Artmarket", wo man Djemben, Taschen, Kleidungsstücke, Schmuck etc. kaufen kann. Unmittelbar nach unserer Ankunft waren wir umringt von Verkäufer/-innen und als ich, Mummy, den kolossalen Fehler beging, nach einem Kleid mit zwei Taschen zu fragen, schallte es aus allen Ecken, dass es ganz tolle Kleider mit zwei Taschen gibt, die mir sogleich präsentiert wurden. Allein die Vorstellung, diese zu probieren, verstärkte meine Schweißausbrüche um ein Vielfaches. Simon und Sonja schafften es mit verschiedenen Käufen, bei denen sich Simon als talentierter Feilscher herausstellte, die Verkäufer/-innen kurzfristig von mir abzulenken, aber sofort erkannte jemand mein Hitzeproblem und fortan wurde mir eine breite Palette von Fächern angeboten. Simon, in seinem Drang uns alles zu zeigen, ersparte uns nicht die Rückseite des Artmarkets, die zwar direkt am Meer liegt und nicht weit vom Nobelhotel Mövenpick, die aber vollkommen verdreckt ist und wo Kinder zwischen Plastikflaschen und anderem Unrat spielen, neben dünnen Ziegen, Hunden und Hühnern. Hätte Simon uns nicht anschließend in unmittelbarer Nähe einen anderen Strand gezeigt, der offenbar für Touristen sauber gehalten wird, hätte ich ihn gleich wieder mit nach Hause genommen. Aber es gibt noch viel schlimmere Plätze in Accra und natürlich auch viele saubere Orte, wo in der Regel Obronis hinter vergitterten und bewachten Toren leben. Ich hoffe sehr, dass die gerade gewählte Regierung mit ihren 115 Minister/-innen es schafft, dieser Entwicklung entgegen zu wirken.

Am Dienstag war ich froh, Accra auf dem Weg an die ghanaische Küstenregion hinter mit zu lassen, wobei Simon in seinen bisherigen Blogbeiträgen verschwiegen hat, wie aufwändig und gleichzeitig günstig das Reisen in Ghana sein kann, wenn man sich in TroTros oder Bussen bewegt. So wurde das Taxi fortan zu unserem bevorzugten Reisemittel, was meiner Bequemlichkeit geschuldet war und bei Simon keine Begeisterung hervorrief. Auch stellte sich mein Protest gegen Mehrbettzimmer als richtig heraus, nichtsdestotrotz haben wir drei unsere Nächte in Ghana immer zusammen verbracht, was erstaunlich gut und harmonisch geklappt hat. Fast überall war ich die Älteste, was meinen Mummy - Status nur verstärkt hat, aber auch zu erstaunlich vielen herzlichen Begegnungen mit (jüngeren) Menschen aus der ganzen Welt geführt hat.

Unsere Tage in Cape Three Points waren, trotz eines Sonnenbrands, einem Plumpsklo, akutem Wassermangel, kurzfristigen Stromausfällen aufgrund von Regenfällen, wunderbar und zu unserer großen Freude konnten wir vier kleine Schildkröten auf ihrem Weg ins Meer begleiten. Da unsere Dusche aus einem großen Eimer und einer Schöpfkelle bestand, habe ich mich gefreut, in Cape Coast wieder „richtig“ zu duschen, allerdings mit permanentem Blick auf die nach oben offenen Dusche und die reifen Kokosnüsse. In Cape Coast haben wir Sarah, eine andere Freiwillige, und ihre Eltern getroffen und zusammen eine schöne Zeit verlebt, inklusive dem gemeinsamen Gang über sieben Hängebrücken und dem Besuch eines katholischen Gottesdienstes am Ostersonntag. Dort wurde jede Menge Weihrauch verwendet und unter dessen Einwirkung anschließend ausgelassen getanzt. Die Worte des Bischofs, dass wir alle „Easterpeople“ sind und trotz schwerer Zeiten immer wieder mit neuer Hoffnung starten, haben mir sehr gefallen. Diese Botschaft konnte aber nicht den Blick vor der historischen Realität verstellen, die wir anschließend in der gegenüberliegenden Sklavenburg erfahren haben und deren Grausamkeiten unendlich viele Ghanaer zum Opfer fielen, mit der grausamen Besonderheit, dass sich über den Kerkern eine Kirche für den Gouverneur und die Bediensteten befand.

Bambushütte in Cape Three Points - wunderschön, nur manchmal ein bisschen warm

Auf dem Weg zum Meer...

Kakum National Park

Zurück in Accra haben Sonja und ich einen Einblick in Simons tägliches Leben bekommen, indem wir seine Schule besucht und einige Lehrer und Kinder kennengelernt haben, die dort trotz Ferien ihre Zeit verbracht haben. Charles, ein Lehrerkollege von Simons Gastmutter, der nebenbei Taxi fährt, um sein Einkommen aufzubessern, hat uns durch Accra gefahren, wo speziell mir immer wieder Toilettenpapier, aber uns allen auch Wasser in Plastikfolie, Nüsse, getrocknete Bananen, Zahnbürsten, etc. angeboten wurden. Aufgrund eines Verständigungsproblems hätte ich bei einem solchen Kauf fast den Ärger einer Straßenverkäuferin auf mich gezogen, da ich ihr auf dem Weg nach Cape Three Points erst einen Cedi zu wenig gegeben hatte, den ich dann nach kundiger Anweisung von Simon noch schnell aus dem Fenster des fahrenden Busses geworfen habe. Keinesfalls hätte ich dieser tapferen Frau ihr Geld vorenthalten wollen und möchte an dieser Stelle allen Straßenverkäuferinnen und Straßenverkäufern in Ghana und besonders in Accra meine große Achtung erweisen, denn sie arbeiten an lauten und von Abgasen stinkenden Straßen,  die Frauen oft mit einem Baby auf dem Rücken und ihren Waren in einem großen Blechbehälter auf dem Kopf. Eine Packung Plantains (getrocknete Bananen) bringt ihnen gerade mal 1 Cedi, das sind umgerechnet ca. 0,22 Euro, und von ihrem täglichen Verdienst müssen sie ihre Familie ernähren und die Miete für eine sehr kleine und baufällige Hütte bezahlen. Auf die großen Unterschiede, besonders im Bildungssystem, hat uns Simons Gastmutter aufmerksam gemacht, bei der wir am Ende dieses ereignisreichen Tages noch einen wunderbaren Abend verbracht haben und ich Fufu, eine landestypische Speise, mit der rechten Hand gegessen habe.

Besonders gefallen haben mir die anschließenden Tage in der Voltaregion mit einem Bad im unteren Wasserfall, von dem Simon schon berichtet hat, und einer tollen Unterkunft mit Blick auf den oberen Wasserfall. Zufällig haben wir auch drei andere Mitfreiwillige getroffen, was mich sehr gefreut hat. In der Voltaregion waren die Temperaturen sehr angenehm und dahin würde ich gerne nochmals fahren. Gestochen wurde ich übrigens kaum, das hat die arme Sonja leider abbekommen, und der Skorpion, der uns mal unterwegs begegnet ist, hat uns auch verschont. Auf dem Rückweg durften wir noch den Staudamm bewundern und Affen, die am Wegesrand saßen und auf Früchte gelauert haben. Die Voltaregion hat sich in meinem Augen mit vielen Steinhäusern von den Wellblech- oder Lehmhütten in Accra und an der Küste unterschieden und wie man in einer solchen Hütte aufwachsen und zu einem anerkannten Arzt in Boston werden kann, aber immer mit der Sehnsucht nach Ghana im Herzen, kann man in dem wunderbaren und sehr empfehlenswerten Buch „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ von Taiye Selasi nachlesen (hier clicken zum nachschauen), dass ich während unserer Ghanareise zum zweiten Mal gelesen habe und dass die Menschen dieses Landes anhand einer Familie auf eindrucksvolle und spannende Weise darstellt.

Unterkunft in der Volta Region

Am Wli Waterfall


Ein bisschen Safari soll ja auch dazu gehören...

Nach einem letzten sehr schönen Abend bei Simons Gastfamilie, wo wir gemeinsam das Fußballspiel Gladbach gegen Dortmund gesehen habe (auch das ist in Accra möglich), machten Sonja und ich uns schweren Herzens auf die Rückreise, wobei unser Gepäck noch ein paar Stunden länger in Paris bleiben durfte. In Zeiten moderner Kommunikation wurde wir darüber bereits kurz nach unserer Ankunft per SMS und E-Mail informiert  

Bei Simons Gastfamilie
Mitgenommen habe ich unendlich viele Eindrücke, die ich erst noch alle verarbeiten muss, viele Begegnungen mit tollen Menschen, tolle Landschaften mit üppigem Grün, eine große Herzlichkeit, die mir/uns entgegengebracht wurde, aber auch die zum Teil – jedenfalls in meinen Augen – katastrophalen Verhältnisse, unter denen die arme Bevölkerung in Ghana zu leben und von der Simons Gastmutter, die Lehrerin in einer Schule für sehr arme Kinder ist, mehrmals eindrücklich berichtet hat. Diese können nicht regelmäßig zur Schule kommen, weil sie arbeiten müssen oder sich um ihre Geschwister kümmern müssen. 
Und nicht zuletzt möchte ich meine große Bewunderung und den Respekt vor meinem Sohn bekunden, der auf seine wunderbare charmante und fröhliche Weise sich durch das Chaos von Accra bewegt, seinen Schülern ein toller Lehrer ist und seine Gastmutter abends mit Geschichten aus den TroTros erfreut.  
Herzlichen Dank an alle, die ihm dabei geholfen haben, diese lebensprägende Erfahrung zu machen oder ihn dabei begleiten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen