Mema mo ahaa,
nachdem ich Euch das letzte Mal ausführlich über mein Projekt erzählt habe, steht diesmal etwas ganz Anderes und Besonderes auf dem Programm. Die letzten zwei Wochen hatte ich nämlich Begleitschaft aus Deutschland, von meiner Mama und meiner besten Freundin, welche mich während der Osterferien besuchen haben, um auch einen kleinen Eindruck von Ghana zu gewinnen.
Da die beiden als Touristen natürlich einen ganz anderen Blick auf Ghana haben als ich mittlerweile, hatte meine Mutter die großartige Idee, ihre Eindrücke aus den zwei Wochen festzuhalten und sie hier mit Euch zu teilen:
Mummy und Sonja in Ghana, ein Gastbeitrag
Am 09.04.2017 war es endlich soweit und Sonja, Simons beste
Freundin, und ich wurden von Sonjas Mutter zum Düsseldorfer Flughafen gebracht,
um nach Accra zu fliegen. Wir waren beide sehr aufgeregt und voller Vorfreude,
Simon wiederzusehen. Gegen 20 Uhr landeten wir in Accra und wurden von Simon
und seiner Gastfamilie abgeholt, die uns dankenswerterweise in unser Hostel im
Stadtteil Kokomlemle gebracht haben. Die Hitze war nicht so schlimm wie
befürchtet und auch der Verkehr war angenehm. So weit, so entspannt, vor allem
für Simon, der endlich wieder in den Genuss von Erdbeeren kam.
Leider hatte man im Hostel unsere Buchung für zwei Zimmer
vergessen (das sollte sich wiederholen)
und so schliefen wir in der ersten Nacht in einem Doppelzimmer und Simon auf
einer zusätzlichen Matratze auf dem Boden. Das wirklich köstliche Frühstück
entschädigte uns am anderen Morgen, aber anschließend traf Sonja und mich mit
voller Wucht die Hitze, das Chaos, der Dreck, die Lautstärke und die schlechten
Straßen von Accra. Ich habe mir nach dem gefühlt 1000sten Schlagloch
vorgenommen, nie wieder über deutsche Straßen und die dortigen Staus zu
schimpfen, die sich im Vergleich zu Accras Straßen wie Luxusprobleme
darstellen. In Accra, wie auch auf dem Rest der Reise, hatte sich bereits herumgesprochen,
dass neue Obronis, also Weißgesichter, in Ghana angekommen sind, denn überall
warteten Händler/-innen und Taxifahrer nur darauf, dass wir etwas kauften oder
ihr Taxi benutzten. Bereits an diesem ersten Tag war ich auf einmal nicht mehr
Gaby, sondern „Mummy“, was wohl liebenswert gemeint war und meinem Alter
Respekt zollen sollte, aber mir auch gelegentlich auf die Nerven ging.
Ohne Simon, der sich in faszinierender und respektvoller
Weise an Accra gewöhnt hat, wären wir aufgeschmissen gewesen, aber er hat uns
gleich an unserem ersten Tag mit der harten Realität vor Ort konfrontiert, was
mich fast umgehauen hat. Die Hitze war saunagleich und eingezwängt in Simons
Lieblingsgefährt, einem TroTro, ging es zum ,,Artmarket", wo man Djemben, Taschen,
Kleidungsstücke, Schmuck etc. kaufen kann. Unmittelbar nach unserer Ankunft
waren wir umringt von Verkäufer/-innen und als ich, Mummy, den kolossalen
Fehler beging, nach einem Kleid mit zwei Taschen zu fragen, schallte es aus
allen Ecken, dass es ganz tolle Kleider mit zwei Taschen gibt, die mir sogleich
präsentiert wurden. Allein die Vorstellung, diese zu probieren, verstärkte
meine Schweißausbrüche um ein Vielfaches. Simon und Sonja schafften es mit
verschiedenen Käufen, bei denen sich Simon als talentierter Feilscher
herausstellte, die Verkäufer/-innen kurzfristig von mir abzulenken, aber sofort
erkannte jemand mein Hitzeproblem und fortan wurde mir eine breite Palette von Fächern
angeboten. Simon, in seinem Drang uns alles zu zeigen, ersparte uns nicht die
Rückseite des Artmarkets, die zwar direkt am Meer liegt und nicht weit vom
Nobelhotel Mövenpick, die aber vollkommen verdreckt ist und wo Kinder zwischen
Plastikflaschen und anderem Unrat spielen, neben dünnen Ziegen, Hunden und
Hühnern. Hätte Simon uns nicht anschließend in unmittelbarer Nähe einen anderen
Strand gezeigt, der offenbar für Touristen sauber gehalten wird, hätte ich ihn
gleich wieder mit nach Hause genommen. Aber es gibt noch viel schlimmere Plätze
in Accra und natürlich auch viele saubere Orte, wo in der Regel Obronis hinter
vergitterten und bewachten Toren leben. Ich hoffe sehr, dass die gerade
gewählte Regierung mit ihren 115 Minister/-innen es schafft, dieser Entwicklung
entgegen zu wirken.
Am Dienstag war ich froh, Accra auf dem Weg an die
ghanaische Küstenregion hinter mit zu lassen, wobei Simon in seinen bisherigen
Blogbeiträgen verschwiegen hat, wie aufwändig und gleichzeitig günstig das
Reisen in Ghana sein kann, wenn man sich in TroTros oder Bussen bewegt. So
wurde das Taxi fortan zu unserem bevorzugten Reisemittel, was meiner
Bequemlichkeit geschuldet war und bei Simon keine Begeisterung hervorrief. Auch
stellte sich mein Protest gegen Mehrbettzimmer als richtig heraus,
nichtsdestotrotz haben wir drei unsere Nächte in Ghana immer zusammen
verbracht, was erstaunlich gut und harmonisch geklappt hat. Fast überall war ich
die Älteste, was meinen Mummy - Status nur verstärkt hat, aber auch zu
erstaunlich vielen herzlichen Begegnungen mit (jüngeren) Menschen aus der
ganzen Welt geführt hat.
Unsere Tage in Cape Three Points waren, trotz eines
Sonnenbrands, einem Plumpsklo, akutem Wassermangel, kurzfristigen
Stromausfällen aufgrund von Regenfällen, wunderbar und zu unserer großen Freude
konnten wir vier kleine Schildkröten auf ihrem Weg ins Meer begleiten. Da
unsere Dusche aus einem großen Eimer und einer Schöpfkelle bestand, habe ich
mich gefreut, in Cape Coast wieder „richtig“ zu duschen, allerdings mit permanentem
Blick auf die nach oben offenen Dusche und die reifen Kokosnüsse. In Cape Coast
haben wir Sarah, eine andere Freiwillige, und ihre Eltern getroffen und
zusammen eine schöne Zeit verlebt, inklusive dem gemeinsamen Gang über sieben
Hängebrücken und dem Besuch eines katholischen Gottesdienstes am Ostersonntag.
Dort wurde jede Menge Weihrauch verwendet und unter dessen Einwirkung
anschließend ausgelassen getanzt. Die Worte des Bischofs, dass wir alle
„Easterpeople“ sind und trotz schwerer Zeiten immer wieder mit neuer Hoffnung
starten, haben mir sehr gefallen. Diese Botschaft konnte aber nicht den Blick
vor der historischen Realität verstellen, die wir anschließend in der
gegenüberliegenden Sklavenburg erfahren haben und deren Grausamkeiten unendlich
viele Ghanaer zum Opfer fielen, mit der grausamen Besonderheit, dass sich über
den Kerkern eine Kirche für den Gouverneur und die Bediensteten befand.
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| Bambushütte in Cape Three Points - wunderschön, nur manchmal ein bisschen warm |
| Auf dem Weg zum Meer... |
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| Kakum National Park |
Zurück in Accra haben Sonja und ich einen Einblick in Simons
tägliches Leben bekommen, indem wir seine Schule besucht und einige Lehrer und
Kinder kennengelernt haben, die dort trotz Ferien ihre Zeit verbracht haben.
Charles, ein Lehrerkollege von Simons Gastmutter, der nebenbei Taxi fährt, um
sein Einkommen aufzubessern, hat uns durch Accra gefahren, wo speziell mir
immer wieder Toilettenpapier, aber uns allen auch Wasser in Plastikfolie,
Nüsse, getrocknete Bananen, Zahnbürsten, etc. angeboten wurden. Aufgrund eines
Verständigungsproblems hätte ich bei einem solchen Kauf fast den Ärger einer
Straßenverkäuferin auf mich gezogen, da ich ihr auf dem Weg nach Cape Three
Points erst einen Cedi zu wenig gegeben hatte, den ich dann nach kundiger
Anweisung von Simon noch schnell aus dem Fenster des fahrenden Busses geworfen
habe. Keinesfalls hätte ich dieser tapferen Frau ihr Geld vorenthalten wollen
und möchte an dieser Stelle allen Straßenverkäuferinnen und Straßenverkäufern in Ghana und besonders
in Accra meine große Achtung erweisen, denn sie arbeiten an lauten und von
Abgasen stinkenden Straßen, die Frauen oft mit einem Baby auf dem Rücken und ihren Waren
in einem großen Blechbehälter auf dem Kopf. Eine Packung Plantains (getrocknete
Bananen) bringt ihnen gerade mal 1 Cedi, das sind umgerechnet ca. 0,22 Euro,
und von ihrem täglichen Verdienst müssen sie ihre Familie ernähren und die
Miete für eine sehr kleine und baufällige Hütte bezahlen. Auf die großen
Unterschiede, besonders im Bildungssystem, hat uns Simons Gastmutter aufmerksam
gemacht, bei der wir am Ende dieses ereignisreichen Tages noch einen
wunderbaren Abend verbracht haben und ich Fufu, eine landestypische Speise, mit
der rechten Hand gegessen habe.
Besonders gefallen haben mir die anschließenden Tage in der
Voltaregion mit einem Bad im unteren Wasserfall, von dem Simon schon berichtet
hat, und einer tollen Unterkunft mit Blick auf den oberen Wasserfall. Zufällig
haben wir auch drei andere Mitfreiwillige getroffen, was mich sehr gefreut hat.
In der Voltaregion waren die Temperaturen sehr angenehm und dahin würde ich
gerne nochmals fahren. Gestochen wurde ich übrigens kaum, das hat die arme
Sonja leider abbekommen, und der Skorpion, der uns mal unterwegs begegnet ist,
hat uns auch verschont. Auf dem Rückweg durften wir noch den Staudamm bewundern
und Affen, die am Wegesrand saßen und auf Früchte gelauert haben. Die
Voltaregion hat sich in meinem Augen mit vielen Steinhäusern von den Wellblech-
oder Lehmhütten in Accra und an der Küste unterschieden und wie man in einer
solchen Hütte aufwachsen und zu einem anerkannten Arzt in Boston werden kann,
aber immer mit der Sehnsucht nach Ghana im Herzen, kann man in dem wunderbaren
und sehr empfehlenswerten Buch „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ von
Taiye Selasi nachlesen (hier clicken zum nachschauen), dass ich während unserer Ghanareise zum zweiten Mal
gelesen habe und dass die Menschen dieses Landes anhand einer Familie auf
eindrucksvolle und spannende Weise darstellt.
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| Unterkunft in der Volta Region |
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| Am Wli Waterfall |
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| Ein bisschen Safari soll ja auch dazu gehören... |
Nach einem letzten sehr schönen Abend bei Simons
Gastfamilie, wo wir gemeinsam das Fußballspiel Gladbach gegen Dortmund gesehen
habe (auch das ist in Accra möglich), machten Sonja und ich uns schweren Herzens
auf die Rückreise, wobei unser Gepäck noch ein paar Stunden länger in Paris
bleiben durfte. In Zeiten moderner Kommunikation wurde wir darüber bereits kurz
nach unserer Ankunft per SMS und E-Mail informiert
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| Bei Simons Gastfamilie |
Mitgenommen habe ich
unendlich viele Eindrücke, die ich erst noch alle verarbeiten muss, viele
Begegnungen mit tollen Menschen, tolle Landschaften mit üppigem Grün, eine
große Herzlichkeit, die mir/uns entgegengebracht wurde, aber auch die zum Teil
– jedenfalls in meinen Augen – katastrophalen Verhältnisse, unter denen die
arme Bevölkerung in Ghana zu leben und von der Simons Gastmutter, die Lehrerin
in einer Schule für sehr arme Kinder ist, mehrmals eindrücklich berichtet hat. Diese können nicht regelmäßig zur Schule kommen,
weil sie arbeiten müssen oder sich um ihre Geschwister kümmern müssen.
Und
nicht zuletzt möchte ich meine große Bewunderung und den Respekt vor meinem
Sohn bekunden, der auf seine wunderbare charmante und fröhliche Weise sich
durch das Chaos von Accra bewegt, seinen Schülern ein toller Lehrer ist und
seine Gastmutter abends mit Geschichten aus den TroTros erfreut.
Herzlichen
Dank an alle, die ihm dabei geholfen haben, diese lebensprägende Erfahrung zu
machen oder ihn dabei begleiten.







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